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Senffleck am Kragen

Aktualisiert: 15. Juli 2021

Das verschwommene Licht vorbeiziehender Scheinwerfer spiegelte sich im nass glänzenden Asphalt, der sich durch die verlassene Landschaft grub, während das Sausen und Brausen immer anderer Fahrzeuge die Dunkelheit erfüllte. Am Rande dieser von Bewegung und Geschwindigkeit bestimmten Szenerie ruhte ein von außen ungleichmäßig gestrichenes Gebäude, dessen Putz sich an vereinzelten Stellen wie Schorf von den Wänden pellte. Durchaus hatte das Haus schon bessere Zeiten gesehen und die Fenster waren mit Schlieren und Streifen übersät, sodass ein Hineinspähen schier unmöglich wurde, um zu erkennen und verstehen, ob im Inneren noch Betrieb herrschte oder dieser inzwischen ein fast verklungenes Echo war, das der in Vergangenheit verblieb. Beim Eintreten fielen als erstes über dessen Eingang die leuchtenden Buchstaben eines schief hängenden Neonschildes auf, wenn auch nicht ganz alle in ihren Farben erstrahlten, da einige der Röhren wegen mangelnder Inspektion und Fürsorge lediglich kläglich flackerten und zuckten. Beim genauen Hinschauen jedoch kam die Nachricht an, hier gab es warme Mahlzeiten und Erholung vom Stress auf der Straße, ein vorübergehendes Einkehren und Innehalten, ein Krafttanken ehe die Fahrt zum Ziel mit Softdrink im Getränkehalter und über der Richtgeschwindigkeit eingestelltem Tempomat wieder aufgenommen wurde. Drinnen war sie, uniformiert mit ihrer Dienstkleidung bestehend aus weißer Hose und Schürze sowie hellblauem Hemd samt halb verblasstem Senffleck am Kragen, der sich noch immer nicht hatte vernünftig auswaschen lassen, was sie frustrierte und nervte, allerdings nur dann, wenn sie wieder probierte ihn komplett loszuwerden, was ja letztendlich doch nicht klappte. Meistens stand sie hinter dem Tresen, der wie eine Grenze zu einer anderen Welt fungierte, sie abschirmt und trennt von anderen Sphären, während sie geduldig Bestellungen aufnahm, Speisen und Getränke servierte, in ihrem eigenen Universum, das sie viel zu selten die Schwelle übertreten ließ. Den größten Teil ihrer zeit verbrachte sie hier, arbeitete unzählige Stunden, kämpfte mit der Reinigung des WCs, dem maroden Heizungssystem und manchmal auch mit den Kunden und doch ließ sie sich nicht unterkriegen von einem schmerzenden Rücken, dem wässrigen Kaffee oder frechen Äußerungen, die ihr so mancher Hitzkopf bereits entgegnete, denn sie wusste, am Ende hatte jeder Job seine Tücken. Dennoch fand sie es oftmals hart, dass diese wechselnden Besucher stets nur einen Zwischenstopp einlegten, sie und diesen Ort ganz ungebunden wieder verließen, sie hingegen am nächsten Tag diese unendliche Geschichte Seite für Seite aufs Neue erlebte.

Dann ging sie wieder los, von vorn, die pausenlose Routine in der ein Gast nach dem anderen die Raststätte betrat, in Hast bestellte, bezahlte und aß, sich über den Ketchup oder andere Nichtigkeiten beschwerte und sie sich fragte, was erwartet wurde, hier mitten im Nichts, ein Gaumenschmaus oder gar ein Festmahl? Das sind die Kandidaten, die sie am liebsten gleich lieber vergaß. Wie ein Urlaub auf einer einsamen Insel erschienen ihr dann die seltenen Momente der Ruhe, in denen ihr Blick unscharf wurde und sie abtaucht in die Welt ihres Kopfes, in der sie gerne blieb, so lange es ging, leise summend, was immer ihr gefiel und dabei ein wenig den Alltag vertrieb.

Wenn genau dies passierte, sie zum Beispiel aus dem Fenster sah und sich in ihren Gedanken verlor, fuhr sie mit, mit all jenen auf der Reise, die für den Augenblick eines Wimpernschlags ihre Gäste waren, weg, von dannen, ins Unbekannte und erkundete die fremde Ferne auf ihre Weise. Dann war da kein Senffleck mehr am Kragen, die Haare rochen weder nach Frittierfett noch nach Grill, kein Boden wartete darauf, gewischt und gefeudelt zu werden, nein, sie war einfach unterwegs nach Lust und Laune, stürzte sich in riskante Abenteuer, denn sie würde alles wagen. Mit geschlossenen Augen wurde um sie herum alles ganz still.

Es plärrte nicht mehr das Radio von früh bis spät, die Sendungen die sie schon auswendig kannte, das Tropfen des Wasserhahns, dass sie manchmal zur Weißglut brachte war nicht mehr zu hören und auch derselbe Lieferant mit immer dergleichen Ware war nun Geschichte. Das Sausen und Brausen der Autos verstummte und verwandelte sich in ein angenehmes Rauschen des Meeres an sonnigen Küsten, dort, wo die Möwen schrien, es nach Freiheit duftete und warmer Sand zärtlich die Füße umarmte. Sie konnte es kurz schmecken, die pure Losgelöstheit, das wonnige Schwärmen, doch leider verflog dieser Zauber viel zu schnell, ihre Finger, runzelig und schrumpelig vom Wasser, reckten sich nicht euphorisiert und begeistert gen Himmel, sondern hingen noch immer im Küchenspülbecken. Da waren keine Wellen, die sie über den Ozean trugen, nur Schaumkronen aus Spülmittel, die allenfalls in einem trügerischen Schein brillierten und ihre eigene Art von Glanz und Magie versprühten.

Sie seufzte schwer, fiel ein wenig in sich zusammen, ein bisschen wie ein mürrisches Soufflee, und fragte sich, ob es ein Fluch war, dass hier alle kamen und gingen und nur sie hier verharrte, in ewiger Anwesenheit verdammt? Aber vielleicht war es eben so, vielleicht war genau dies der Weg, den sie beschritt und sie sollte nur stolz und aufrecht bleiben, denn im Grunde waren nur Kleinigkeiten zu beklagen wie etwa dieser komische Senffleck am Kragen, der ehrlich gesagt aber auch nur eine nichtige Äußerlichkeit betraf, alles andere war doch eigentlich ganz gut zu ertragen und sie hatte Träume, Wünsche und Vorstellungskraft, was doch am Ende das Wichtigste war und egal was andere sagten, glaubten, taten oder ob sie auch nervten, dieser Fantasien konnte sie glücklicherweise niemand berauben.

Sie musste vertrauen, auf sich, die Zeit und das Glück, musste ihn weiter schmieden ihren Plan ohne wenn und aber, ohne Flucht und Weg zurück, weiter, Tag für Tag kämpfen und ihr Vorhaben von einer bloßen Idee in wunderschönste, greifbare Realität verwandeln. Irgendwann würde sie dann aufwachen, im Himmelbett unweit vom Strand mit salziger Luft auf ihren Lippen und echten Schaumkronen in ihrem Haar, hätte die Augen weit geöffnet sowie ihre Seele für alles Neue was käme und würde freudig denken „ich habe es geschafft!“

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