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Ich bewerte das mal

Das Dasein als Autorin gibt einem zahlreiche Anlässe, über das System von Bewertungen nachzudenken. An sich finde ich es toll, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, in den Austausch mit Leser:inne zu treten, um Rückmeldungen zum eigenen Buch zu bekommen. Man kann sich mit Gleichgesinnten vernetzen und hat als Autor:in die Gelegenheit, auf eine Art die Werbetrommel für das eigene Werk zu rühren. Doch wie es oftmals ist, gibt es zwei Seiten der Medaille.

Ein zentraler Punkt dieses Austausches ist eine Bewertung/Rezension des Werkes. Rezensionen für Produkte aller Art sind wichtig, um in Shops besser gelistet zu werden. Ja, eine schlechte Rezension ist manchmal gar wertvoller als gar keine. Um so gut wie alle Möglichkeiten der aktuellen Marketing-Tools auszuschöpfen habe also auch ich (damals) eine Leserunde für mein Buch gestartet. Und das, obwohl es mir selbst widerstrebt, ein Buch (oder auch ein anderes Produkt) zu bewerten.

Warum ist das so?

Zum einen habe ich nicht wirklich Lust darauf. Mir fehlt ein bisschen die Muße (und jede Email, nachdem man irgendwo ein Produkt erworben hat mit dem Inhalt „Bewerte jetzt unser Produkt!“ macht es ehrlich gesagt nicht besser …). Aber zum anderen und für mich viel wichtigeren Grund sei gesagt, dass ich den Vorgang mancher Bewertungen ehrlich gesagt recht anmaßend finde. Insbesondere bei Büchern denke ich regelmäßig „Who am I to judge?“. Es macht für mich einen großen Unterschied, ob ich für mich selbst im Privaten eine eigne Meinung habe, oder diese öffentlich im Internet verbreite. Und eigentlich würde vor allem eine schlechte oder sehr kritische Bewegung in meinen Augen voraussetzen, dass ich selbst es besser machen könnte. Deshalb das anmaßend. Weil ich niemals so weit gehen würde, zu sagen, dass ich selbst etwas besser machen könnte als xy es bei ihrem/seinem eigenen Projekt getan hat. Aber eine Rezension ist doch eine hilfreiche Bewertung, um andere von einem Kauf zu überzeugen/abzuhalten? Ja. Vielleicht. Aber auch nein. Gerade in der Kunst sind Bewertungen nichts anderes als Geschmacksache. Ok, vielleicht kann man hier und da noch darüber reden, ob etwas handwerklich gut oder weniger gut ausgeführt wurde. Aber das war’s auch schon. Und richtig hilfreich finde ich es auch nicht. Schließlich kann etwas handwerklich schlecht ausgeführt sein, mich aber trotzdem berühren. Oder mir gar gefallen. Dann habe ich vielleicht schlechten Geschmack. Ja und? Was ist der Punkt dieses Textes? Ich habe das Gefühl, dass unser Alltag, ja sogar unser Leben stark von Bewertungen beeinflusst wird. Das beginnt ganz klassisch in der Schule mit Noten für dies und das und jenes. Das an sich möchte ich auch nicht kritisieren, denn diese Noten/Einordnungen sind wichtig, um sich an etwas zu orientieren. Um Ordnung in ein Chaos zu bringen. Was ich aber sehr gerne kritisieren möchte, ist die Art, wie wir tendieren, mit diesen Bewertungen umzugehen und welchen Stellenwert wir ihnen zuschreiben.

Eine Note in der Schule beispielsweise ist am Ende der einzige Richtwert für die Arbeit eines gesamten Prozesses. Und meistens läuft es doch so: Man lernt irgendwas neu (egal ob Gedichtanalyse, Integralberechnung, Weitsprung oder Porträtzeichnung). Man hat einen gewissen Startpunkt (keine Ahnung, was die verrückte Autor:in da sagen will; was soll ich mit den komischen Zahlen machen; autsch, ich bin hingefallen; hmmm, sieht aus wie ne Ananas). Und dann lernt man stetig etwas dazu, bis am Ende vielleicht eine Prüfung abgelegt wird oder ein Projekt fertiggestellt wurde. Dafür gibt es dann eine Note. Sagen wir, eine 3-. Das ist ein bisschen schlechter als Ok und für etliche wahrscheinlich recht enttäuschend. Nicht wirklich gut, es sagt einem unterschwellig, dass da kein so richtiges Talent vorherrscht. Hand aufs Herz: Gut ist inzwischen doch nur noch die Note 1, oder eine Maximalanzahl an Sternchen, oder? Alles andere, scheint knapp vorbei und doch daneben.

Aber letztendlich lässt diese eine Note einen zu gerne vergessen, dass man mit einer Porträtzeichnung, die zu Beginn wie eine Ananas aussah, begonnen hat, und am Ende tatsächlich ein menschliches Gesicht erkannt wurde! (Immer noch etwas deformiert, aber menschlich). Man ist über seinen Schatten gesprungen. Vielleicht hat diese Aufgabe am Ende sogar Spaß gemacht? Man hat sich verbessert, dazugelernt und endet trotz aller Strapazen bei einer niederschmetternden 3-. Na toll, da hätte ich es ja auch gleich bleiben lassen können! Man verliert die Lust und lässt weitere Arbeiten dieser Art am Ende vielleicht sogar ganz bleiben. Aus Eigenschutz vor schlechten Bewertungen (sofern in der Schule keine Prüfung abgelegt werden muss).

Bewertungen aller Art ziehen sich immer weiter durch unser Leben. Selbst im Privaten sind wir nicht frei davon. Und mir gehen sie allmählich echt auf die Nerven. Überall werden Menschen nach ihrer Meinung gefragt und drücken Produkten, Dienstleistungen oder Ähnlichem ihre Sternchen auf. Und trotzdem spiele ich das Spiel mit, wie beispielsweise bei der Leserunde. Weil das ein Marketing-Tool ist. Weil man Marketing machen muss, wenn man etwas von sich verkaufen möchte. Weil das eben so ist.

Und doch hat dieser Denkprozess etwas in mir verändert. Denn wie all das funktioniert kann ich leider nicht von dem einen auf den anderen Tag ändern. Aber meine Einstellung zu gewissen Dingen schon. Menschen, die Rezensionen verfassen, sich auch nur Menschen. Am liebsten sind mir die, die Bewertungen ohne Begründungen vergeben.

In dem Moment, in dem ich mit mir im Reinen bin, kann ich lockerer mit Bewertungen umgehen. Frei nach dem Motto Hauptsache Interaktion. Schließlich kann man es nicht jedem recht machen. Diese Leichtigkeit möchte ich mir unbedingt erhalten und mir nicht jeden Abend den Kopf zerbrechen, wie viele Sternchen über meinem Buch kreisen. Oder wenn jemand etwas an meiner Geschichte auszusetzen hat, gar in eine Lebenskrise zu verfallen.

Bewertungen geben denjenigen, die sie vergeben, eine gewisse Macht. Ich betrachte diese inzwischen kritischer als zuvor. Wahrscheinlich wird diese Tatsache mich noch nicht davon abhalten, weitere Leserunden anzubieten. Aber ich hole mir meine Macht zurück. Ich möchte eher schulterzuckend denken, dass es sehr viele Expert:innen da draußen gibt, die ihre Meinung kundtun müssen. Können sie auch. Aber meine Zufriedenheit mit mir selbst kann niemand bewerten. Die kann mir niemand nehmen. Also werde ich darauf meinen Fokus legen.

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